Château Latour – das kraftvollste Erste Gewächs von Pauillac
Château Latour ist ein Premier Cru Classé der 1855er-Klassifikation und eines der vier ursprünglichen Ersten Gewächse. Das Gut liegt in der Appellation Pauillac am linken Ufer der Gironde und gehört seit 1993 der Holding Artémis von François Pinault. Auf 92 Hektar – darunter die berühmten 47 Hektar des ummauerten l’Enclos – entsteht der wohl kraftvollste, dichteste und langlebigste der Pauillac-Erstgewächse. Eine Besonderheit: Seit dem Jahrgang 2012 verzichtet Latour auf den En-Primeur-Verkauf und bringt seine Weine erst bei Trinkreife in den Handel. Geführt wird das Haus von Frédéric Engerer. Ergänzt wird der Grand Vin durch Les Forts de Latour und Pauillac de Latour.
Geschichte und Eigentümer
Die erste Erwähnung von „La Tour de Saint Maubert“ stammt aus dem Jahr 1331; der namensgebende Turm steht für eine Geschichte, die bis in den Hundertjährigen Krieg zurückreicht. Berühmt wurde das Gut unter der Familie de Ségur, die – mit Nicolas-Alexandre de Ségur, dem „Prinzen der Reben“ – bis 1962 die Geschicke lenkte. Nach den Eigentümern Pearson und Allied Lyons erwarb François Pinault das Gut 1993 über seine Holding Artémis. Geführt wird Latour von seinem Sohn François-Henri Pinault; das Tagesgeschäft verantwortet seit 1995 Frédéric Engerer als CEO und Präsident, der das Gut zu Bestform geführt hat.
Klassifikation und Status
Latour ist Premier Grand Cru Classé von 1855 und zählt zum Kreis der fünf Ersten Gewächse. Viele Kenner sehen in Latour das verlässlichste First Growth – auch in schwächeren Jahrgängen erreicht das Gut konstant Spitzenbewertungen.
Terroir und Rebflächen
Wer die Wirkung des Terroirs auf Cabernet Sauvignon verstehen will, vergleicht Lafite und Latour: Hier liegen höhere Tonanteile im Boden – genau jene klebrige Tonart, die auch in Pétrus vorkommt – überdeckt von gut drainierenden Kiesen. Das Wunder des Latour-Terroirs ist, dass es alle Vorteile des kraftspendenden Tons besitzt und dank der Kiesauflage selbst bei Regen bearbeitbar bleibt. Die 92 Hektar verteilen sich auf 138 Parzellen in drei Bereichen im Süden von Pauillac; je weiter vom Fluss entfernt, desto eher fließen die Trauben in Forts de Latour und Pauillac de Latour.
Rebsorten und Assemblage
Die Rebflächen sind zu 76 % mit Cabernet Sauvignon und 22 % Merlot bestockt, der Rest verteilt sich auf Petit Verdot und Cabernet Franc. Der Grand Vin steigt im Cabernet-Anteil häufig über 90 Prozent. Ein Massenselektionsprogramm bewahrt das genetische Erbe der alten Cabernet-Reben (viele aus den 1950er-Jahren); das Gut unterhält eine eigene Genbank.
Weinbergsarbeit und Vinifikation
Latour treibt die Präzisionslandwirtschaft auf die Spitze – von Satellitenbildern und Sensoren bis zur Prüfung der Windrichtung vor jeder (biodynamischen) Behandlung. Die Biodynamie ist heute im gesamten Enclos im Einsatz; das gesamte Gut (92 Hektar) ist seit 2018 biologisch zertifiziert. Pferdepflüge wurden 2008 wieder eingeführt. Ein neuer unterirdischer Keller liegt unter dem Grundwasserspiegel – eine technische Meisterleistung. Der Vinifikationskeller arbeitet ausschließlich mit Edelstahltanks.
Grand Vin und weitere Weine
Der Grand Vin Château Latour stammt aus den alten Reben und schönsten Parzellen und reift vollständig in neuer Eiche. Les Forts de Latour ist ein ernsthaft gearbeiteter Zweitwein auf dem Niveau großer Médoc-Gewächse (50 bis 60 Prozent neue Eiche). Der Drittwein Pauillac de Latour rundet das Sortiment ab. Seit dem Jahrgang 2012 kommen alle Weine erst bei Trinkreife in den Handel: der Grand Vin im Schnitt 10 bis 15 Jahre nach der Ernte, Forts de Latour sieben bis acht Jahre danach.
Stilistik und Geschmacksprofil
Während Lafite für Eleganz und komplexes Parfüm steht, ist Latour texturreicher, dichter und konzentrierter – mit einer geradezu aufsteigenden Frische. Schwarze Frucht, Graphit, Zedernholz, Leder und eine mächtige, fein gewebte Tanninstruktur prägen den Wein, der über Jahrzehnte reift.
Bedeutende Jahrgänge
Latour glänzt selbst in schwächeren Jahren: 2001, 2002 und 2004 zählen zu den besten First Growths ihres Jahrgangs. Herausragend sind 2009, 2010, 2016 und 2018; legendär sind 1961, 1982, 1990 und 2000.
Lagerpotenzial
Der Grand Vin gehört zu den langlebigsten Weinen der Welt und reift in großen Jahrgängen fünfzig Jahre und mehr. Da das Gut die Weine ohnehin erst bei Trinkreife freigibt, sind aktuelle Releases bereits zugänglicher – behalten aber enormes Reservepotenzial.
Marktpreise und Preisentwicklung
Europäische Wine-Searcher-Notierungen für aktuelle Releases (Endkundenpreise inkl. MwSt., Richtwerte):
- Pauillac de Latour rund 80 bis 150 Euro
- Les Forts de Latour rund 150 bis 280 Euro
- Château Latour Grand Vin je nach Jahrgang rund 550 bis 900 Euro; reife Spitzenjahrgänge (1982, 1990, 2000, 2009, 2010) erreichen vier- bis fünfstellige Beträge.
Da Latour nur reife Jahrgänge freigibt, entfällt der En-Primeur-Einstieg; dafür sind die Weine bereits trinkreif und aus gesicherter Kellerprovenienz erhältlich.
Kauforientierung
Den Einstieg bieten Pauillac de Latour und Les Forts de Latour, letzterer ein Zweitwein von hohem Rang. Für Sammler ist der Grand Vin die strategische Position – ein Wein von monumentaler Statur und nahezu unbegrenztem Reifehorizont.
FAQ
Wem gehört Château Latour? Das Gut gehört seit 1993 der Holding Artémis von François Pinault, geführt von seinem Sohn François-Henri Pinault. CEO und Präsident ist seit 1995 Frédéric Engerer.
Welche Klassifikationsstufe hat Château Latour? Latour ist Premier Cru Classé (Erstes Gewächs) der 1855er-Klassifikation – eines von nur fünf Ersten Gewächsen in Bordeaux.
Warum verkauft Latour keinen En Primeur mehr? Seit dem Jahrgang 2012 bringt Latour seine Weine erst bei Trinkreife in den Handel – im Schnitt 10 bis 15 Jahre nach der Ernte für den Grand Vin. Das Gut ist damit eine Ausnahme unter den Ersten Gewächsen.
Wie setzt sich der Grand Vin zusammen? Die Rebflächen sind zu 76 % mit Cabernet Sauvignon und 22 % Merlot bestockt; der Grand Vin steigt häufig über 90 % Cabernet Sauvignon und reift in 100 % neuer Eiche.
Wie heißen Zweit- und Drittwein? Der Zweitwein ist Les Forts de Latour, der Drittwein Pauillac de Latour.
Was kostet eine Flasche Château Latour? Aktuelle Releases des Grand Vin liegen im europäischen Markt bei rund 550 bis 900 Euro, reife Spitzenjahrgänge deutlich höher. Les Forts de Latour beginnt bei rund 150 Euro.
Bedeutung innerhalb der Bordeaux-Hierarchie
Château Latour verkörpert den kraftvollen, langlebigen Pol der Ersten Gewächse. Mit seinem tonreichen Terroir, kompromissloser Präzision und dem mutigen Ausstieg aus dem En-Primeur-System nimmt das Gut eine Sonderstellung ein – für viele das verlässlichste First Growth von Bordeaux.