Sangiovese: Die toskanische Identität von Chianti bis Brunello
Sangiovese ist eine rote Rebsorte (Vitis vinifera) toskanischer Herkunft und mit rund 53.000–72.000 Hektar Anbaufläche (je nach Erhebungsstand) die meistangebaute Rebsorte Italiens. Sie ist die alleinige oder dominierende Grundlage der wichtigsten toskanischen DOCGs: Brunello di Montalcino (100 % Sangiovese — als Sangiovese Grosso oder Brunello-Klon), Chianti Classico (mindestens 80 %, ca. 6.800 Hektar Rebfläche), Chianti (mindestens 70 %), Vino Nobile di Montepulciano (mindestens 70 %, lokal als Prugnolo Gentile) und Morellino di Scansano (mindestens 85 %, lokal als Morellino). Außerhalb der Toskana ist Sangiovese in der Emilia-Romagna (als Sangiovese di Romagna), in Umbrien (Montefalco, Torgiano), in den Marken und in Latium verbreitet. International gibt es Pflanzungen in Kalifornien (Sonoma, Napa, Paso Robles), Argentinien (Mendoza), Australien (King Valley), Korsika (als Nielluccio) und kleinere Bestände in Chile und Südafrika. Stilistisch reicht ihre Bandbreite vom leichten, säurefrischen Chianti der einfachen Klasse über die strukturiert-mineralischen Chianti-Classico-Gran-Selezione der Spitzenerzeuger und die monumentalen Brunello-Riserve von Biondi-Santi, Soldera und Valdicava bis zu den ikonischen Super-Tuscans wie Tignanello, Flaccianello und Le Pergole Torte, die Sangiovese mit französischen Sorten oder reinsortig auf höchstem internationalen Niveau positionieren.
Herkunft und Geschichte
Sangiovese ist eine autochthone toskanische Rebsorte mit einer der vielschichtigsten und am wenigsten geradlinigen Geschichten unter den großen italienischen Edelreben. Der Name leitet sich nach traditioneller Etymologie vom lateinischen sanguis Jovis („Blut Jupiters“) ab — eine Volksetymologie, die Antike und Würde suggeriert, aber ampelografisch nicht eindeutig belegt ist. Die früheste schriftliche Erwähnung als „Sangiogheto“ datiert von 1590 in Gian Vettorio Soderinis Abhandlung Della Coltivazione delle Viti. Im Laufe der Jahrhunderte erhielt die Sorte zahlreiche lokale Namen — Prugnolo Gentile (Montepulciano), Morellino (Scansano), Sangioveto, Brunello (Montalcino), Nielluccio (Korsika) —, was die Erforschung erheblich erschwerte.
DNA-Analysen durch José Vouillamoz am Istituto Agrario di San Michele all’Adige 2004 identifizierten als Eltern Ciliegiolo und das fast ausgestorbene Calabrese Montenuovo aus Kalabrien. Diese Erkenntnis verschob die Herkunftshypothese: Sangiovese ist demnach nicht rein toskanisch entstanden, sondern hat zumindest einen süditalienischen Elternteil.
Den modernen Durchbruch verdankt Sangiovese drei Schlüsselmomenten:
- Ende 19. Jahrhundert: Ferruccio Biondi-Santi isolierte in Montalcino den Brunello-Klon (heute als BBS11 registriert) und vinifizierte ihn erstmals reinsortig — die Geburtsstunde des Brunello di Montalcino. Der 1888er Biondi-Santi Brunello Riserva gilt als legendär.
- 1971: Marchese Piero Antinori lanciert mit Tignanello den ersten „Super-Tuscan“ — eine Sangiovese-Cabernet-Cuvée mit Barrique-Ausbau, die das DOC-Reglement bewusst ignorierte und im Kategorie „Vino da Tavola“ (heute IGT Toscana) vermarktet wurde. Die Super-Tuscan-Bewegung mit Sassicaia, Tignanello, Ornellaia, Solaia revolutionierte die toskanische Weinwelt und führte zur DOCG-Aufwertung ernster Sangiovese-Cuvées.
- 1980: Brunello di Montalcino als eine der ersten beiden italienischen DOCGs (zeitgleich mit Barolo). Chianti Classico DOCG folgte 1984; die Gran Selezione-Kategorie wurde 2014 eingeführt.
Ampelografie und Weinbergscharakter
Sangiovese ist eine sehr klonenreiche, mittelreife bis spät reifende Sorte mit mittelgroßen, lockeren Trauben und mittelgroßen, dünnschaligen Beeren. Die Schale ist relativ dünn — Sangiovese ist deshalb botrytis- und fäulnisanfällig in feuchten Herbsten. Die Sorte ist wuchsstark und ertragsbereit; ohne strenge Ertragsbegrenzung verliert sie schnell an Konzentration.
Mindestens 14 verschiedene Klone sind anerkannt; informell wird die Sorte oft in zwei Familien unterteilt:
- Sangiovese Grosso (große Beere) — darunter der Brunello-Klon in Montalcino, Prugnolo Gentile in Montepulciano: tiefer in Farbe und Tannin, ideal für reinsortige Lagerweine
- Sangiovese Piccolo (kleine Beere) — darunter Morellino in Scansano, der traditionelle Chianti-Klon: heller, säurebetont, oft für Cuvées geeignet
Die Unterscheidung ist nicht streng wissenschaftlich, aber praktisch nützlich. Die klonenreiche Vielfalt erklärt die enorme stilistische Bandbreite — vom hellen, säurefrischen Chianti zum dicht-strukturierten Brunello.
Bevorzugt werden Galestro- und Albarese-Böden der Toskana — schiefer- und kalkhaltige, oft skelettreiche Hänge der zentraltoskanischen Hügelketten (Chianti Classico zwischen Florenz und Siena, die Hügel um Montalcino, Montepulciano und Scansano). Höhenlagen zwischen 250 und 550 m sind ideal: Tag-Nacht-Temperatur-Schwankungen erhalten Säure und Aromatik.
Globale Verbreitung und Schlüsselregionen
Toskana — die Heimat
Die Toskana ist mit rund 40.000 Hektar Sangiovese (Belfrage) das absolute Zentrum. Die wichtigsten DOCGs:
Chianti Classico DOCG
Das historische Kernland zwischen Florenz und Siena mit rund 6.800 Hektar und ca. 350 Erzeugern. Mindestens 80 % Sangiovese, zusätzlich erlaubt sind andere autochthone Sorten (Canaiolo, Colorino, Mammolo) sowie internationale Sorten (Cabernet Sauvignon, Merlot, Syrah) bis zu insgesamt 20 %. Seit 2006 sind weiße Sorten ausgeschlossen. Die Qualitätspyramide:
- Annata (Basis): 12 Monate Reife
- Riserva: 24 Monate Reife, davon 3 in Flasche
- Gran Selezione (seit 2014): 30 Monate Reife, davon 3 in Flasche; Trauben aus eigenen Lagen, mindestens 90 % Sangiovese seit 2023, zusätzlich Zuordnung zu einer der 11 UGAs (Unità Geografiche Aggiuntive) seit 2023: Castellina, Castelnuovo Berardenga, Gaiole, Greve, Lamole, Montefioralle, Panzano, Radda, San Casciano, San Donato in Poggio, Vagliagli
Spitzenerzeuger: Castello di Ama (San Lorenzo, Bellavista), Fontodi (Vigna del Sorbo, Flaccianello della Pieve als IGT Toscana), Isole e Olena (Cepparello IGT), Castello dei Rampolla (Sammarco, d’Alceo), Castello di Volpaia, Castell’in Villa, Felsina (Vigneto Rancia), Querciabella, Montevertine (Le Pergole Torte — Sangiovese IGT-Kult-Cuvée), Riecine, Castello di Monsanto (Il Poggio), Ricasoli (San Lorenzo, Casalferro)
Brunello di Montalcino DOCG
Im warmen, südlichen Teil der Toskana auf den Hängen um Montalcino, mit ca. 2.100 Hektar Rebfläche. 100 % Sangiovese (Brunello-Klon). Reifezeit: mindestens 5 Jahre (davon 2 Jahre in Holz), Riserva mindestens 6 Jahre. Die Region produziert die strukturreichsten, dichtesten und langlebigsten Sangiovese-Weine.
Spitzenerzeuger: Biondi-Santi (Tenuta Greppo — die Pioniersfamilie), Soldera Case Basse (Gianfranco Soldera, verstorben 2019; legendäre, lange reifende Cuvées heute als IGT Toscana vermarktet), Valdicava (Madonna del Piano Riserva), Cerbaiona, Salvioni (Cerbaiola), Le Macioche, Conti Costanti, Poggio di Sotto, Il Marroneto (Madonna delle Grazie), Le Ragnaie, Stella di Campalto, Lisini, Mastrojanni, Casanova di Neri (Cerretalto, Tenuta Nuova), Pian dell’Orino, Argiano, Fuligni, Talenti, Capanna
Vino Nobile di Montepulciano DOCG
Im Südosten der Toskana um die Stadt Montepulciano. Mindestens 70 % Sangiovese (lokal Prugnolo Gentile), oft im Verschnitt mit Canaiolo, Mammolo oder internationalen Sorten. Reifezeit mindestens 24 Monate; Riserva 36 Monate. Top-Erzeuger: Avignonesi, Boscarelli, Poliziano, Carpineto, Salcheto
Morellino di Scansano DOCG
Im Maremma-Süden auf wärmeren, küstennahen Böden. Mindestens 85 % Sangiovese (lokal Morellino). Frühere Trinkreife. Erzeuger: Le Pupille, Roccapesta, Moris Farms
IGT Toscana — Super-Tuscans
Die „Super-Tuscan“-Kategorie ist nicht offiziell rechtlich geschützt, sondern eine Marketing-Bezeichnung für ambitionierte toskanische Cuvées außerhalb der DOC/DOCG-Regelungen — ursprünglich als Vino da Tavola, heute meist als IGT Toscana klassifiziert. Bedeutende reinsortige Sangiovese-Super-Tuscans:
- Flaccianello della Pieve (Fontodi, seit 1981)
- Cepparello (Isole e Olena, seit 1980)
- Le Pergole Torte (Montevertine, seit 1977 — der erste reinsortige Sangiovese-Super-Tuscan)
- Percarlo (San Giusto a Rentennano)
- Sangioveto Grosso (Badia a Coltibuono)
- Cabreo Il Borgo (Folonari)
Cuvée-Super-Tuscans mit hohem Sangiovese-Anteil:
- Tignanello (Antinori, seit 1971 — Sangiovese, Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc)
- Solaia (Antinori — Cabernet-Sauvignon-dominiert, mit Sangiovese-Anteil)
- Sammarco (Castello dei Rampolla)
- Cabernet-Sauvignon-only Super-Tuscans wie Sassicaia (Tenuta San Guido) und Ornellaia spielen in einer eigenen Kategorie
Außerhalb der Toskana — Italien
- Emilia-Romagna: Sangiovese di Romagna DOC und neue Romagna Sangiovese DOC mit Sub-Zonen-Klassifikation (z.B. Bertinoro, Predappio, Modigliana); Erzeuger Stefano Berti, Drei Donà
- Umbrien: Montefalco Rosso DOC und Montefalco Sagrantino DOCG (dort Sangiovese-Cuvée mit Sagrantino); Torgiano Rosso Riserva DOCG (Rubesco der Lungarotti-Familie)
- Marken: Rosso Conero DOCG (Montepulciano-dominiert) — Sangiovese eher Cuvée-Partner
- Latium, Kampanien: kleinere Bestände
Korsika — Nielluccio
Auf Korsika ist Sangiovese als Nielluccio unter den traditionellen Sorten der Insel; bedeutend in Patrimonio AOC im Norden.
Außerhalb Italiens
- Kalifornien: Sonoma, Napa, Paso Robles — vorrangig für Super-Tuscan-Stil-Cuvées; Ridge Geyserville, Atlas Peak
- Argentinien: Mendoza
- Australien: King Valley (Pizzini, Brown Brothers), McLaren Vale
- Chile, Südafrika, Israel: kleinere Bestände
Vinifikation und Stilbandbreite
Traditionelle Vinifikation: Entrappung, lange Mazeration (2–4 Wochen), Vergärung in Edelstahl oder Beton, Ausbau in großen alten Botti grandi (slawonische Eiche) über 12–36 Monate. Die toskanische Tradition arbeitete lange mit dem Governo-Verfahren (Zufügen von halbgetrockneten Trauben zur Nachgärung) — heute selten.
Moderne Vinifikation (Super-Tuscan-Stil): Kurze Mazeration, Vergärung in Edelstahl mit Rotovinifikator-Optionen, Ausbau im französischen Barrique (häufig hoher Neuholzanteil) über 18–24 Monate. Spitzenerzeuger arbeiten heute mit einer Hybrid-Methode aus großem Holz und moderatem Barrique-Anteil.
Stilbandbreite:
- Klassischer Chianti: leicht, säurefrisch, frühreif, oft im Korbflaschen-Format (Fiasco)
- Chianti Classico Annata: mittelschwer, lagenbetont, ausgewogen
- Chianti Classico Riserva und Gran Selezione: strukturiert, lagerfähig, mit deutlich höherem Reifepotenzial
- Brunello di Montalcino: dicht, tanninstark, mit langem Lagerpotenzial
- Brunello di Montalcino Riserva: nochmals konzentrierter, oft Spitzenlagen
- Vino Nobile di Montepulciano: zwischen Chianti Classico und Brunello positioniert
- Morellino di Scansano: wärmer, früher trinkreif, fruchtbetont
- Super-Tuscan reinsortig (Flaccianello, Cepparello, Pergole Torte): Sangiovese in Reinkultur, oft die Spitze der Sortenqualität
- Super-Tuscan Cuvée (Tignanello, Sammarco): Sangiovese mit internationalem Cuvée-Partner
Aromenprofil
Primäraromen: Sauerkirsche (die Signaturnote des Sangiovese), Granatapfel, Pflaume, Trockenkräuter (Lorbeer, Rosmarin, Thymian), Tomate, Salbei, getrocknete Rose, Veilchen, manchmal ein leicht teerige oder mineralische Note. Sekundäraromen durch Hefelager und Holzausbau: Vanille, Tabak, Zedernholz, Mokka (bei Barrique), getrocknete Pflaume. Tertiäraromen gereifter Brunello und Chianti-Riserve: Leder, Trüffel, getrocknete Tomate, Balsamico, Schwarztee, Tabakblatt, getrocknete Veilchen, Unterholz. Eine reife Brunello-Nase erinnert oft an gepökeltes Fleisch, Trockenkirsche und mediterrane Kräuter — ein hochcharakteristisches Profil. Tannin hoch, Säure hoch bis sehr hoch, Alkohol je nach Region 13,5–14,5 %, Farbe rubinrot mit Granatkante.
Lagerpotenzial
Einfache Chiantis trinken sich am besten in 2–5 Jahren. Chianti Classico Annata in 5–10 Jahren. Chianti Classico Riserva und Gran Selezione in 10–25 Jahren. Brunello di Montalcino der Spitzenerzeuger reift 20–40 Jahre; Brunello Riserva und ikonische Cuvées (Biondi-Santi Riserva, Soldera Case Basse) erreichen 40–60+ Jahre. Der 1888er Biondi-Santi Brunello Riserva gilt als einer der ältesten noch trinkbaren Rotweine Italiens. Super-Tuscans wie Flaccianello, Pergole Torte und Cepparello reifen 20–30 Jahre.
Bedeutende Erzeuger und Ikonen
Chianti Classico
Castello di Ama (San Lorenzo, Bellavista, l’Apparita), Fontodi (Vigna del Sorbo, Flaccianello della Pieve), Isole e Olena (Cepparello), Castello dei Rampolla (Sammarco, d’Alceo), Castello di Volpaia, Castell’in Villa, Felsina (Vigneto Rancia, Fontalloro), Querciabella, Montevertine (Le Pergole Torte), Riecine, Castello di Monsanto (Il Poggio), Ricasoli (Casalferro, San Lorenzo), Castello di Brolio
Brunello di Montalcino
Biondi-Santi (Tenuta Greppo Annata, Riserva), Soldera Case Basse (Vigna Riserva — heute IGT Toscana, da Soldera 2013 aus dem Brunello-Konsortium ausgetreten), Valdicava (Madonna del Piano Riserva), Cerbaiona, Salvioni (Cerbaiola), Le Macioche, Conti Costanti, Poggio di Sotto, Il Marroneto (Madonna delle Grazie), Le Ragnaie, Stella di Campalto, Lisini, Mastrojanni, Casanova di Neri (Cerretalto, Tenuta Nuova), Pian dell’Orino, Fuligni, Talenti, Capanna, Castello Banfi (Poggio alle Mura)
Super-Tuscans (Sangiovese-basiert)
Antinori (Tignanello, Solaia), Fontodi (Flaccianello), Isole e Olena (Cepparello), Montevertine (Le Pergole Torte, Montevertine), Castello dei Rampolla (Sammarco, d’Alceo), Tenuta di Trinoro (Le Cupole), San Giusto a Rentennano (Percarlo)
Vino Nobile di Montepulciano
Avignonesi, Boscarelli (Il Nocio), Poliziano (Asinone, Le Caggiole), Salcheto, Carpineto, Dei
Morellino di Scansano
Le Pupille (Saffredi, Poggio Valente), Moris Farms (Avvoltore), Roccapesta
International
Pizzini (King Valley, Australien), Atlas Peak (Napa)
Marktpreise
- Einstieg (Chianti DOCG einfach, Sangiovese di Romagna, Morellino): 8–18 Euro
- Mittelklasse (Chianti Classico Annata, Vino Nobile, Brunello-Einstieg, Rosso di Montalcino): 18–60 Euro
- Premium (Chianti Classico Gran Selezione, Brunello Standard, Vino Nobile Riserva): 60–200 Euro
- Ikonen (Brunello Riserva Top, reinsortige Super-Tuscans wie Flaccianello, Cepparello, Pergole Torte): 200–700 Euro
- Top-Auktion (Soldera Case Basse, Biondi-Santi Brunello Riserva alte Jahrgänge): 1.000–8.000 Euro pro Flasche
Food Pairing
Sangiovese ist mit seiner hohen Säure und seinem würzig-kräuterigen Profil der klassische Speisenbegleiter der toskanischen Küche — und einer der besten Tomaten-Wein-Partner überhaupt. Klassische Paarungen:
- Bistecca alla Fiorentina — die ikonische toskanische T-Bone-Paarung mit Brunello oder Chianti Classico Riserva
- Pasta mit Tomaten- und Fleischsauce: Tagliatelle al Cinghiale, Pappardelle al Ragù, Spaghetti alla Bolognese, Pici al Sugo
- Pizza und Schinken-Antipasti: Pizza margherita, Prosciutto Toscano, Pecorino Toscano
- Toskanische Wildgerichte: Cinghiale (Wildschwein), Lepre (Hase), Fagiano (Fasan)
- Pollo alla Cacciatora, Saltimbocca, Coniglio in Umido
- Wildbret (Reh, Hirsch) mit Brunello
- Reife Hartkäse: gereifter Pecorino, Parmigiano-Reggiano, Gorgonzola
- Cantucci con Vin Santo (Mandel-Biscotti mit toskanischem Süßwein) — der traditionelle Abschluss
Bedeutung innerhalb der Weinwelt
Sangiovese ist die toskanische Identität schlechthin — die Rebsorte, die das Bild Italiens als Rotwein-Land geprägt hat. Vom Korbflaschen-Chianti der 1970er-Jahre bis zum 2015er Soldera Case Basse oder 2010er Biondi-Santi Brunello Riserva Tenuta Greppo dokumentiert sie die Wandlung der italienischen Spitzenönologie von der ländlichen Tradition zur internationalen Premium-Klasse. Die Super-Tuscan-Bewegung der 1970er und 1980er hat Sangiovese in ein internationales Premium-Format gebracht und gleichzeitig die DOCG-Reform Italiens ausgelöst. Mit über 40.000 Hektar in der Toskana allein und einer beispiellosen Klonenvielfalt ist Sangiovese eine der stilistisch wandelbarsten roten Edelreben überhaupt — vom leichten Heurigen-Wein bis zum 40-Jahre-Brunello.
FAQ
Welche Eltern hat Sangiovese?
DNA-Analysen durch José Vouillamoz am Istituto Agrario di San Michele all’Adige 2004 haben Ciliegiolo und das fast ausgestorbene Calabrese Montenuovo aus Kalabrien als Eltern identifiziert. Die Sorte ist damit nicht rein toskanisch entstanden, sondern hat zumindest einen süditalienischen Elternteil. Der Name leitet sich nach traditioneller Etymologie vom lateinischen sanguis Jovis („Blut Jupiters“) ab.
Wo wird Sangiovese hauptsächlich angebaut?
Italien ist mit rund 53.000–72.000 Hektar die unbestrittene Heimat, davon allein ca. 40.000 Hektar in der Toskana. Die wichtigsten DOCGs: Chianti Classico (ca. 6.800 ha), Chianti, Brunello di Montalcino (ca. 2.100 ha), Vino Nobile di Montepulciano, Morellino di Scansano. Weitere bedeutende Anbaugebiete: Emilia-Romagna (Sangiovese di Romagna), Umbrien (Montefalco, Torgiano), Marken. Auf Korsika als Nielluccio (Patrimonio AOC). International kleinere Bestände in Kalifornien, Argentinien, Australien (King Valley) und Chile.
Wie schmeckt Sangiovese?
Die Signaturnote ist Sauerkirsche, ergänzt durch Granatapfel, Pflaume, getrocknete Tomate, Trockenkräuter (Lorbeer, Rosmarin, Thymian), Salbei und Veilchen. Bei Barrique-Ausbau kommen Vanille, Tabak, Zedernholz und Mokka hinzu; im Alter entwickeln sich Leder, Trüffel, Balsamico, Schwarztee, Tabakblatt und Unterholz. Tannin hoch, Säure hoch bis sehr hoch, Alkohol 13,5–14,5 %, Farbe rubinrot mit Granatkante.
Welche Speisen passen zu Sangiovese?
Klassische toskanische Partner sind Bistecca alla Fiorentina, Pappardelle al Cinghiale, Spaghetti alla Bolognese, Pizza margherita, Pollo alla Cacciatora und Saltimbocca. Brunello harmoniert ideal mit Wildbret (Reh, Hirsch, Wildschwein) und reifem Pecorino Toscano. Sangiovese ist außerdem einer der besten Tomaten-Wein-Partner überhaupt.
Was ist der Unterschied zwischen Chianti Classico und Brunello di Montalcino?
Chianti Classico DOCG wächst zwischen Florenz und Siena und ist eine Cuvée mit mindestens 80 % Sangiovese, ergänzt um Canaiolo, Colorino und/oder internationale Sorten. Brunello di Montalcino DOCG wächst auf den wärmeren Hängen um Montalcino und ist 100 % Sangiovese (Sangiovese Grosso / Brunello-Klon). Brunello ist dichter, tanninstärker und langlebiger; Reifezeit mindestens 5 Jahre (Riserva 6 Jahre) gegenüber Chianti Classico 12 Monate (Riserva 24, Gran Selezione 30).
Was sind Super-Tuscans?
Super-Tuscans sind ambitionierte toskanische Rotweine, die in den 1970er- und 1980er-Jahren als Vino da Tavola entstanden, weil ihre Erzeuger die Beschränkungen der damaligen DOC-Regeln (z.B. obligatorische Anteile weißer Sorten im Chianti, Verbot internationaler Sorten) bewusst ablehnten. Heute meist als IGT Toscana klassifiziert. Ikonische Beispiele: Sassicaia (Tenuta San Guido, 100 % Cabernet), Tignanello und Solaia (Antinori), Ornellaia, Flaccianello della Pieve (Fontodi, 100 % Sangiovese), Cepparello (Isole e Olena, 100 % Sangiovese), Le Pergole Torte (Montevertine, 100 % Sangiovese).
Wie lange kann man Sangiovese lagern?
Einfache Chiantis sind in 2–5 Jahren auf der Höhe. Chianti Classico Annata entwickelt sich über 5–10 Jahre, Riserva und Gran Selezione über 10–25 Jahre. Brunello di Montalcino der Spitze reift 20–40 Jahre; Brunello Riserva und Ikonen wie Biondi-Santi und Soldera Case Basse erreichen 40–60+ Jahre. Reinsortige Super-Tuscans (Flaccianello, Cepparello, Pergole Torte) reifen 20–30 Jahre.
Wer sind die wichtigsten Sangiovese-Erzeuger?
Im Chianti Classico: Castello di Ama, Fontodi (Flaccianello), Isole e Olena (Cepparello), Castello dei Rampolla, Felsina, Querciabella, Montevertine (Le Pergole Torte), Castello di Volpaia, Riecine. Im Brunello di Montalcino: Biondi-Santi, Soldera Case Basse, Valdicava, Cerbaiona, Salvioni, Le Macioche, Conti Costanti, Poggio di Sotto, Il Marroneto. Im Vino Nobile di Montepulciano: Avignonesi, Boscarelli, Poliziano. Bei den Super-Tuscans: Antinori (Tignanello, Solaia).